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75 Jahre Freie Presse

Keine Demokratie ohne unabhängige Medien

In diesem Jahr haben viele Zeitungshäuser in Deutschland ein besonderes Jubiläum gefeiert. Vor 75 Jahren wurde mit dem (Wieder-)Aufleben unabhängiger Zeitungsverlage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein wichtiger Grundstein für die Demokratie gelegt.

Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind in Deutschland wichtige Eckpfeiler der Demokratie und in Artikel 5 des Grundgesetzes verankert. Dort heißt es: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ Und weiter: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Was heute in unserem Land als selbstverständlich erscheint, hat vor 75 Jahren seinen Ausgangspunkt. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur erschienen unter der Lizenz der Alliierten wieder Zeitungen in Deutschland. Durch das Verbot bestehender Zeitungen schufen die Siegermächte die Basis für den vollständigen Neuaufbau des Pressewesens. Über viele Jahrzehnte haben sich die zahlreichen Zeitungsverlage meist zu diversifizierten Medienhäusern weiterentwickelt. Diese bilden heute eine innovative und crossmediale Branche, die aus dem klassischen Kernprodukt, der gedruckten Tageszeitung, entstanden ist.

Gedruckte Zeitung spielt zentrale Rolle

Die Geschichte der freien Presse ist ohne die gedruckte Zeitung nicht vorstellbar und unmittelbar mit ihr verbunden. Gemeinsam mit der Zeitung haben sich auch Druckproduktion und Druckbetriebe in den vergangenen 75 Jahren weiterentwickelt. Vom Druckhandwerk zur Druckindustrie, vom Bleisatz zu Print 4.0, vom Pioniergeist nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Herausforderungen der Gegenwart. Eine wechselhafte Geschichte geprägt von permanentem Wandel, zahlreichen Umbrüchen und von erfolgreichen Unternehmen – viele davon Zeitungshäuser. „In diesem Jahr blicken wir mit Stolz auf das 75-jährige Jubiläum vieler bayerischer Zeitungsverlage zurück. Zeitungen waren und sind unverzichtbar für eine freie Meinungsbildung in unserer Demokratie. Sie haben – insbesondere in ihrer gedruckten Form – auch heute nichts von ihrer Wichtigkeit verloren. In ihrer Ordnung, Einordnung und Übersichtlichkeit ist die gedruckte Zeitung immer noch unschlagbar und in Zeiten der Informationsflut mit kuratierten Informationen der Fels in der Brandung“, bringt es Holger Busch, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Druck und Medien Bayern, auf den Punkt.

Zeitung hat heute höchste Relevanz

Insgesamt erreichen die Zeitungsmarken heute mehr als acht von zehn Deutschen ab 14 Jahren. Die Gesamtreichweite der deutschen Zeitungen steigt im „Corona-Jahr“ 2020 auf 84,6 Prozent. Das zeigt eine Auswertung der aktuellen Markt-Media-Studie best for planning durch die ZMG Zeitungsmarktforschung Gesellschaft. Damit lesen 59,7 Millionen Personen regelmäßig die gedruckte Zeitung oder nutzen mindestens wöchentlich ein digitales Zeitungsangebot. Im Vergleich zum Vorjahr gewinnen die Zeitungen mehr als drei Millionen zusätzliche Leserinnen und Leser pro Woche. Gerade in der Corona-Ausnahmesituation haben die Zeitungen für viele Bürgerinnen und Bürger an Bedeutung gewonnen. Die von den Redaktionen geleistete Einordnung des aktuellen Geschehens ist für 86 Prozent der Zeitungsleser eine wichtige Orientierungshilfe.


"Ich glaube, dass vielen Menschen in der großen Unsicherheit, die die Corona-Pandemie mit sich bringt, wieder bewusst geworden ist, wie wichtig ihnen verlässliche Informationen und gut aufbereitete Hintergründe sind. "

Andreas Scherer, Vorsitzender und Sprecher der Geschäfsführung der Mediengruppe Pressedruck und Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV), im Gespräch. Die Augsburger Allgemeine war eine der ersten freien Zeitungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Was vor 75 Jahren als ein klassischer Zeitungsverlag entstand, ist heute Teil einer breit aufgestellten Mediengruppe.

Herr Scherer, welche Bedeutung hat das 75-jährige Jubiläum aus Ihrer Sicht für Deutschland?

Als 1945 die westlichen Besatzungsmächte deutschlandweit Lizenzen für die Publikation von Tageszeitungen vergaben, ging es um nichts weniger, als durch den Aufbau einer unabhängigen, ausschließlich der Wahrheit verpflichteten Zeitungslandschaft mitzuhelfen, ein demokratisches, pluralistisches Deutschland zu errichten. Dadurch ist in Europa etwas Einzigartiges entstanden: Kein Land kennt eine solche Vielfalt an lokalen, regionalen und überregionalen Tageszeitungen wie Deutschland. Diese gilt es zu bewahren, und die Verleger sind gefordert, auch in herausfordernden Zeiten der damit verbundenen Verantwortung gerecht zu werden.

Was bedeutet das im Speziellen für Ihr Zeitungshaus?

Für uns als Augsburger Allgemeine bedeutet das Jubiläum in diesem Jahr eine abermalige Besinnung auf unsere journalistischen Wurzeln und deren Bedeutung für das Heute. Glaubwürdige, gut ausgebildete Journalisten, die filtern und kommentieren, sind wichtiger denn je – für eine Stadt, eine Region, für die Demokratie.

» Kein Land kennt eine solche Vielfalt an regionalen und überregionalen Tageszeitungen wie Deutschland. Diese gilt es zu bewahren. «
Andreas Scherer, Vorsitzender und Sprecher der Geschäftsführung der Mediengruppe Pressedruck und Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV)

Welche Ereignisse in jüngerer Vergangenheit sind Ihnen persönlich in besonderer Erinnerung?

Ich bin sehr stolz, dass es uns in den zurückliegenden zehn Jahren gelungen ist, zum sechstgrößten Zeitungsverlag in Deutschland anzuwachsen. Antrieb unseres Handelns war und ist es, stets den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen und ihm Medien und mediennahe Dienstleistungen aus einer Hand anzubieten. Seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts sind wir in erster Linie durch die Ausweitung unseres Leistungsspektrums in unserer Bayerisch-Schwäbischen Heimat gewachsen – zur Tageszeitung kamen unter anderem die Bereiche Rundfunk, Briefdienstleistungen, Direktverteilung, Corporate Publishing und Call-Center hinzu. 2011 haben wir entschieden, durch Zukäufe anderer gesunder regionaler Zeitungsverlage außerhalb unseres angestammten Verbreitungsgebietes zu expandieren. So wurden die MainPost und der Südkurier Teil unserer Mediengruppe. Alle drei Häuser arbeiten heute sehr eng zusammen, und durch die Bündelung unserer Kräfte und Kompetenzen ist es uns möglich, den Herausforderungen des Marktes noch besser zu begegnen.

Wie haben Internet und digitale Medien Ihr Geschäftsmodell verändert?

Bereits seit 2003 erfreut sich das E-Paper einer kontinuierlich wachsenden Nachfrage bei unseren Leserinnen und Lesern. 40.000 Abonnenten nutzen bereits die Vorteile und wir entwickeln das Angebot ständig weiter. Zuletzt haben wir nochmals unsere Prozesse angepasst, damit wir werktäglich bereits um 19:30 Uhr die Zeitung des nächsten Tages an unsere E-Paper-Abonnenten ausliefern können.

Wo sehen Sie gegenwärtig die größten wirtschaftlichen Herausforderungen für Ihre Mediengruppe?

Die aktuellen Herausforderungen für Zeitungsverlage sind gewaltig: die steigenden Kosten für Papier, Druck und Zustellung sowie die gleichzeitig sinkenden Auflagen und Werbeeinahmen, die Konkurrenz durch die großen Plattformen – und natürlich die Herausforderung, im Netz Geschäftsmodelle aufzubauen. Aber wir haben Antworten. Entscheidend für unsere Zukunft ist es, relevant zu bleiben – generationsübergreifend für unsere Leserinnen und Leser und auch für die Werbekunden. Uns spornt dabei insbesondere an, dass Werbung in Tageszeitungen trotz der Veränderungen in der Mediennutzung in den vergangenen Jahren eine ungebrochen hohe Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit hat. In Kombination mit unseren digitalen Formaten erzielen wir eine enorme Reichweite in unseren Verbreitungsgebieten.

Das Vertrauen in klassische Medien ist in der Corona-Krise gewachsen. Profitieren Sie davon?

Ich glaube, dass vielen Menschen in der großen Unsicherheit, die die Corona-Pandemie mit sich bringt, wieder bewusst geworden ist, wie wichtig ihnen verlässliche Informationen und gut aufbereitete Hintergründe sind. In sogenannten normalen Zeiten gerät dieser Aspekt vielleicht etwas in den Hintergrund. Von daher liegt in der derzeitigen Situation für uns eine große Chance, die Leistung und Bedeutung unserer Qualitätsmedien herauszustellen und erfolgreich für die regelmäßige Nutzung unsere Produkte zu werben.

Pressefreiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Wo ist sie derzeit in Gefahr?

In Deutschland gelingt es durch unseren funktionierenden Rechtsstaat meiner Meinung nach sehr gut, die grundrechtlich verankerte Pressefreiheit zu verteidigen. Das ist in anderen Ländern der Welt leider überhaupt nicht so. Staatliche Einmischungen oder wirtschaftliche Zwänge sind an der Tagesordnung – und schlimmer noch: Journalisten werden vielerorts verfolgt, ja sogar getötet, weil sie mutig ihrer Arbeit nachgehen. Aber auch wenn es in Deutschland um die Pressefreiheit eigentlich gut bestellt ist, müssen wir doch aufmerksam Entwicklungen verfolgen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Als Beispiel möchte ich hier die Vorratsdatenspeicherung nennen, an der die Bundesregierung trotz unzähliger Gerichtsurteile festhält. Ohne konkreten Verdacht dürften die Internet- und Telefonverbindungsdaten aller Bürger bis zu sechs Monate gespeichert werden. Doch welcher Informant würde dann noch mit einem Journalisten Kontakt aufnehmen, wenn er befürchten muss, enttarnt zu werden, weil der Anruf oder die E-Mail zurückverfolgt werden kann?

Welchen Stellenwert hat die gedruckte Zeitung heute und in Zukunft in Ihrem Angebotsportfolio?

Die gedruckte Tageszeitung ist für uns der wichtigste Grundpfeiler unseres wirtschaftlichen Erfolgs und sie wird es trotz sinkender Printauflagen auch noch lange Zeit bleiben. Unsere internen Berechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass trotz des wachsenden Anteils an digitaler Auflage weit über 2030 hinaus ein Großteil unserer Auflage aus der gedruckten Zeitung kommen wird. Das Entscheidende für unsere künftigen Entwicklungen ist meiner Meinung nach das Thema Qualität – egal, ob auf Papier oder im Netz: Gerade in Zeiten, in denen sich Informationen im Sekundentakt überschlagen, möchten die Menschen mehr denn je eine glaubwürdige und verlässliche Orientierung. Das betrifft vor allem regionale Medien wie die Augsburger Allgemeine und ihre Heimatzeitungen, die seit jeher nah an den Menschen und ihren Bedürfnissen sind. Es geht also nicht um Papier oder Pixel, es geht um „Content first“, um qualifizierte Inhalte.

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in NUTZEN - Das Magazin der Druck- und Medienverbände (Ausgabe Bayern IV/2020).

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