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Starke Gemeinschaft

Ein Jahr der großen Herausforderungen

Corona, Papierknappheit, Energiepreise, Lieferengpässe und Fachkräftemangel lassen die Druck- und Medienbranche nicht zur Ruhe kommen.

von Christof Schleunung, Vorstandsvorsitzender des VDMB

Anfang Februar 2022 schien sich die Welt nach zwei Jahren Pandemie wieder in eine bessere Richtung zu bewegen, auch wirtschaftlich. Der Geschäftsklimaindex notierte erstmals seit Oktober 2021 wieder leicht über seinem Vorkrisenniveau, was auf zuversichtlichere Unternehmenserwartungen zurückzuführen war, welche die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der meisten coronabedingten Einschränkungsmaßnahmen widerspiegelten. Allerdings zogen schon die nächsten unheilvollen Wolken am Himmel auf. Und so warnte der Branchen-Konjunkturbericht: „Angesichts des anhaltenden Druckpapiermangels und der drohenden Auswirkungen der Ukrainekrise auf die Höhe der Energiepreise müssen diese Erwartungen jedoch mit Vorsicht interpretiert werden.“

Eine neue Krise trifft die Branche

Die nächste Krise kam dann mit dem Überfall Putins auf die Ukraine schneller als erwartet und mit großer Wucht. Die Folgen sind dramatisch: explodierende Energiepreise, weitere zerreißende Lieferketten, eine fast schon galoppierende Inflation – vom unendlichen Leid der vom Krieg heimgesuchten Menschen in der Ukraine ganz zu schweigen. Und so waren die leichten Hoffnungen aus dem Februar in kürzester Zeit verflogen. Sorgen bereiteten den Unternehmen neben den Belastungen der Lieferketten vor allem die Preise für Energie und Gas. Aufgrund der hohen Inflation, den gestiegenen Kosten und einer drohenden Rezession ist zu befürchten, dass eine fallende Nachfrage zu weiteren Auftragsrückgängen und sinkenden Umsätzen führt. Zudem ist die Druck- und Medienbranche bei einer Gas-Mangellage doppelt betroffen. Zum einen ist das im Produktionsprozess verwendete Gas je nach Produktionsart schwer zu substituieren, zum anderen ist die Versorgung der Druckindustrie mit grafischen Papieren bei einer Gas-Notlage mehr als fraglich.

Papier – ein knappes und teures Gut

Man hätte nur mit dem Kopf geschüttelt, wenn jemand vor einigen Jahren prognostiziert hätte, dass Papier wie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Mangelware werden würde und auch wegen dramatisch steigender Preise ein sehr teures Gut. Doch mittlerweile gehören die hohen Papierpreise schon zum Alltag. Diese seit Mitte des Jahres 2021 anhaltende Entwicklung mit unzähligen Preisrunden ist nicht nur für die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen kritisch, sondern gefährdet auch das Druckprodukt als solches. Denn klar ist: Signifikante Papierpreiserhöhungen können nicht von allen Kunden mitgetragen werden. Sie führen damit auch zum Verzicht von Printkunden auf gedruckte Produkte. Die Entwicklung ist mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem man aufpassen muss, dass das Printgeschäft angesichts der dramatischen Verteuerungen überhaupt noch rentabel ist. Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchverlagehaben kaum Möglichkeiten, die erhöhten Papierkosten an die Leser oder Anzeigenkunden weiterzugeben. Für die deutsche Presselandschaft ist das mittlerweile eine ernstzunehmende Bedrohung. Die Flucht ins Digitale ersetzt nicht die Glaubwürdigkeit gedruckter Produkte, sondern mindert zudem noch die Erreichbarkeit des Lesers und gefährdet die Meinungs- und Pressefreiheit.

» Immer wieder hat sich die Druckbranche als stark genug erwiesen, den richtigen Weg in eine erfolgreiche Zukunft einzuschlagen. «
Christoph Schleunung

Kunden hinterfragen Printprodukte

Viele Printkunden reagieren auf die Preiserhöhungen mit Umfangs- und Auflagenreduzierungen. Druckereien erleben immer häufiger, dass die wirtschaftliche Grenze, Preiserhöhungen mitzutragen, bei vielen Kunden erreicht ist. Prominente Kunden reagieren bereits mit der Umschichtung ihrer Marketingbudgets auf digitale Kanäle. Gedruckte Prospekte sind jedoch nach wie vor eines der wichtigsten Instrumente des Handels, Kunden in großer Zahl auf eigene Angebote aufmerksam zu machen. Genauso sind sie gerade in Zeiten steigender Preise eine wichtige Informationsquelle für die Verbraucher bei der Planung des eigenen Einkaufs. Deshalb ist es mehr als bedenklich, dass immer mehr Druckereien über Auftragsreduzierungen gerade bei diesen Produkten berichten.

Irritationen über Rekordgewinne der Papierindustrie

Mitten in die Papierkrise hatten einige skandinavische Papierhersteller Rekorderträge für die ersten beiden Quartale des Jahres 2022 vermeldet. Begründet wurden diese, dass es mit einem „erfolgreichen Margenmanagement“ gelungen sei, den Anstieg der Kosten durch entsprechende Preiserhöhungen mehr als auszugleichen. Dies stieß bei vielen Druckereien angesichts der weiterhin bedrohlichen Lage unserer Branche auf erhebliche Irritationen. Rekordergebnisse einerseits und existenzielle Nöte andererseits passen in derselben Wertschöpfungskette eben nur schwer zusammen.Angesichts der rasanten Verteuerung von grafischen Papieren, den galoppierenden Energiekosten und den steigenden Unsicherheiten bei der Gasbelieferung sehen sich die Unternehmen der Druckindustrie gegenwärtig gravierenden wirtschaftlichen, teilweise existenziellen Problemen gegenüber. Wenn in einer solchen angespannten Lage Lieferanten ihre Preise über die entstandenen Kostensteigerungen hinaus deutlich erhöhen, gefährdet dies letztendlich die Existenz der gesamten Wertschöpfungskette. Die Druckverbände appellierten daher an die Unternehmen der Papierherstellung, mit dem Preisinstrument in Zukunft fair und verantwortungsbewusst umzugehen.

Partnerschaft wieder dringend gefragt

Das grundsätzliche Ansteigen der Preise ist dabei aber nur ein Aspekt, der Druckunternehmen zu schaffen macht. Auf Unverständnis stoßen in der Druckindustrie einseitige Preiserhöhungen mit kurzer Ankündigungsfrist, nachdem kurz zuvor noch bis Ende September Preise vertraglich festgeschrieben worden waren. Vereinbarungen verdienen Gültigkeit, dieses bewährte Prinzip einer Marktpartnerschaft innerhalb einer Wertschöpfungskette muss wieder hergestellt werden. Angesichts der schwierigen Lage der gesamten Printbranche appellieren wir an die Papierindustrie, auch weiterhin für ausreichende Produktionskapazitäten für grafische Papiere zu sorgen, zugesagte Liefermengen und -preise einzuhalten sowie Preisänderungen sorgfältig und mit langfristigem Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette zu prüfen. Die ganze Branche läuft sonst Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten, bei dem sich immer mehr Kunden wegen der hohen Preise aus dem Printgeschäft verabschieden und Printaufträge vollständig wegbrechen.

Trotz alledem: den Blick nach vorne richten

Die Druck- und Medienbranche ist unter Druck, keine Frage. Und jede Herausforderung für sich hätte zu anderen Zeiten schon gereicht, um Wehklagen anzustimmen. Doch gerade Druckunternehmerinnen und Druckunternehmern ist der Zustand der Krise kein unbekannter. Dafür sind sie alle schon durch zu viele Krisen gegangen. Und immer wieder hat sich die Branche als stark genug erwiesen, den richtigen Weg in eine erfolgreiche Zukunft einzuschlagen. Garant dafür waren die Innovationskraft, die Menschen in den Unternehmen und vor allem auch die eigenen Produkte. Print begeistert nach wie vor Kunden und Leser, mit seiner Haptik und den Emotionen, die es weckt. Print ist glaubwürdig und hochwirksam als Informationsträger, als Werbemittel und als erstklassiger Kommunikationskanal. Und allediese faszinierenden Produkte verbinden auch die Menschen, die sie jeden Tag mit viel Hingabe produzieren. Und das ist es dann, was die Branche eben auch ausmacht: eine starke Gemeinschaft.