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Digitalisierung

Print gewinnt auch digital

Die Digitalisierung stellt etablierte Denk- und Arbeitsweisen auf den Kopf. Ob die Onlinevermarktung von Druckprodukten, die Optimierung und Automatisierung bestehender Prozesse oder den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Digitalisierung sollte dabei nie Selbstzweck sein, sondern muss einen Mehrwert bieten und die Zukunft des Unternehmens sichern.

Wie vermarktet man seine Printprodukte erfolgreich über digitale Kanäle? Im Gespräch berichten die Unternehmer Xaver Egger, René Ruhland und Andreas Ullmann über den Onlinevertrieb der Produkte ihrer ganz unterschiedlich aufgestellten Unternehmen.

Die Fragen stellte Thomas Hosemann

Es gibt viele Wege zum Onlinevertrieb. Welchen sind Sie gegangen?

René Ruhland: Bevor ich vor über zehn Jahren zusammen mit meinem Bruder Marc MYPOSTER gegründet habe, hatten wir Ölbilder aus China importiert und sie über Baumärkte und Möbelhäuser verkauft. Im Boom der digitalen Fotografie haben wir großes Potenzial gesehen und dann im Jahr 2011 MYPOSTER gegründet. Von Anfang an haben wir unsere Software selbst geschrieben und unsere Produkte auch schon selbst produziert. Das war der Schlüssel zum erfolgreichen Einstieg in diesen Markt. Nach und nach haben wir so unsere Unternehmensgruppe aufgebaut. Heute haben wir 350 Mitarbeiter in fünf operativen Unternehmen und produzieren Fotobücher, Kalender, Karten und hochwertige Wandbilder. Bis zu 25.000 dieser Produkte verlassen heute täglich unsere Produktionshallen in Dachau und Bitterfeld und werden zu Endkunden in ganz Europa geliefert.

Xaver Egger: Unseren Onlineshop madika gibt es seit 2014. Als traditionelle Offset-Druckerei mit 60 Mitarbeitenden hatten wir uns in den Jahren zuvor bereits auf Verpackung spezialisiert. Mit dem Onlineshop wollten wir zunächst vor allem dem Kundenwunsch entsprechen, standardisierte Druckprodukte so einfach wie möglich online bestellbar zu machen. Wichtig war für uns, dass die Kunden verschiedene Optionen selbst durchkonfigurieren können und dass während der Konfiguration jederzeit der finale Preis angezeigt wird. Seitdem ist der Trend zur Individualisierung deutlich vorangeschritten, weshalb inzwischen alle unsere Schachteln auch in individuellen Maßen und mit vielen Sonderoptionen bestellt werden können. Die Umsätze des Onlineshops steigen kontinuierlich und damit einhergehend auch die Rolle von madika für unseren Unternehmenserfolg.

Ist eine Faltschachtel nicht viel zu komplex für einen Onlineshop?

Xaver Egger: In der Tat gab es damals noch nicht viele andere Druckereien, die sich an das Thema Onlineshop im Verpackungsbereich trauten und an denen wir uns ein Beispiel hätten nehmen können. Zudem konnten wir auch nicht auf eine Standardlösung zurückgreifen. Ich war mir aber sicher, dass der Weg in eine erfolgreiche Zukunft für uns nur über das Onlinegeschäft führen würde. Die Komplexität des Themas hat uns hierbei eher angespornt als abgeschreckt.

Wie war es bei Ihnen, Herr Ullmann?

Andreas Ullmann: Im Jahr 2015 sind wir über den befreundeten Technik-Berater, Bernd Zipper, mit einem Partner zusammengekommen, der unsere Produkte, sprich Zeitungen, über sein Onlinedruckportal angeboten hat. Wir haben also eine digitale Schnittstelle gebraucht und daraus ist dann unser Zeitungsdruckportal entstanden. Ab Anfang 2018 haben wir den Onlineauftritt dann komplett neu aufgestellt und die Marke wir-drucken- deine-zeitung gelauncht. Damit informieren wir über die vielen Vorzüge einer gedruckten Zeitung und platzieren sie als hochwertiges Printprodukt. Wir wollen nicht, dass andere Druckereien Zeitungen auf ihren Maschinen „faken“, wir wollen diese Aufträge als Original drucken, gerne auch in Kooperation mit diesen Druckereien.

» Drucken ist für uns  ein wichtiger Teil des  Erfolges, aber nicht der Bereich, der den Unterschied macht. «
René Ruhland, Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe MYPOSTER

Ist Zeitungsdruck in Kleinauflagen denn überhaupt wirtschaftlich rentabel?

Andreas Ullmann: Hohe Auflagen sind uns selbstverständlich lieber (lacht). Aber auch 5000 Exemplare sind für uns wirtschaftlich interessant. Es ist ja nicht so, dass wir rund um die Uhr produzieren, daher sind auch kleine Auflagen willkommen, um Produktionslücken zu füllen. Außerdem ist das Onlineportal für uns mittlerweile ein wichtiges Tool zur Neukunden-Gewinnung. Für uns ist das also eine sinnvolle Ergänzung.

Setzen Sie auf Standardsoftware oder eigene Programmierleistung?

Xaver Egger: Unser Onlineshop, inklusive dem Herzstück – unserem Konfigurator – ist eine eigene Programmierleistung. Da wir so viele individuelle Produkte und Optionen anbieten wie kaum ein anderer auf dem Markt, kann eine Standardsoftware unser Sortiment einfach nicht adäquat abbilden.

Andreas Ullmann: Wir arbeiten hier mit einem Partner und befreundeten Betrieb zusammen – Longo Deutschland, hier in Augsburg um die Ecke. Hier werden wir mit der Software, der Plattform und dem Tool versorgt, und gemeinsam erfolgen die Weiterentwicklung und die weitere Ausrichtung.

René Ruhland: Unser Unternehmenskern ist digital, sprich die Software ist die Seele unseres Unternehmens. Ich denke, wir haben zwei Dinge von Anfang an richtig gemacht: Wir haben von vornherein stark auf eigene Softwareentwicklung gesetzt und schreiben konsequent sämtliche Softwareanwendungen für Shops, Apps, Services bis hin zur Produktionssteuerung selbst. Zudem haben wir gleichzeitig aber auch angefangen, alle Produkte selbst zu produzieren. So machen wir es  bis heute. Es war und ist für uns wirtschaftlich sinnvoll,beides selbst zu machen.

Sie definieren sich in erster Linie als E-Commerce- Unternehmen, richtig?

René Ruhland: Das Drucken ist für uns ein wichtiger Teil unseres Erfolges, keine Frage, aber am Ende ist es nicht der Bereich, der den Unterschied zu unseren Mitbewerbern macht. Es könnten sicher viele Druckereien unsere Produkte herstellen. Aber das Herstellen ist aus meiner Sicht nicht das Entscheidende – es ist vor allem das Know-how in Software und Marketing. Und das ist das, was uns dann von unseren Mitbewerbern abgrenzt.

Xaver Egger: Bei uns ist es erwartungsgemäß ein wenig anders, denn wir punkten vor allem auch dank der fachlichen und handwerklichen Expertise aus 150 Jahren Druckerfahrung. So schätzen die Kunden bei uns nicht nur die fundierte Beratung, sondern auch beispielsweise die Extraleistungen unserer Konstrukteure, die jedes Inlay individuell an die Kundenwünsche anpassen und sogar selbst Vorschläge zur besseren Passgenauigkeit einbringen.

An welche Kundengruppe richtet sich Ihr Angebot?

Xaver Egger: Die Zielgruppe von madika ist so vielfältig wie unser Angebot und reicht vom kleinen Start-up bis hin zu großen Kosmetikfirmen. Dementsprechend sind die Kundenansprache und auch unser Angebot zweigeteilt: Unerfahrene Kunden erhalten bei uns viel Beratung und können Zusatzleistungen wie die Druckdatenerstellung dazubuchen. Erfahrene „Profis“ können ganz einfach selbst bestellen, die Druckdaten zur Gestaltung herunterladen und direkt mit ihrer Gestaltung beginnen, ohne dass sie überhaupt Kontakt mit uns aufnehmen müssen.

» Das Onlineportal ist für uns mittlerweile ein wichtiges Tool zur Neukunden-Gewinnung. Für uns ist das eine sinnvolle Ergänzung. «
Andreas Ullmann, Gesamtleiter Technik bei der Presse-Druck- und Verlags-GmbH.

Andreas Ullmann: Mit unserem Onlinekanal erreichen wir ein buntes Kundenklientel über alle Branchen hinweg. Wir produzieren von der Kundenzeitung über Event- oder Partei-Zeitungen bis hin zu Amtsblättern. Außerdem kooperieren wir als Produktionspartner mit anderen Druckereien und können in andere Onlineportale per Schnittstelle eingebunden sein.

René Ruhland: 98 Prozent unseres Geschäfts ist B2C. Das bedeutet für uns die konsequente Ausrichtung auf den Endkunden, Losgröße eins und sehr hohe Qualität. Wir produzieren emotionale Produkte – dein eigenes Foto, das deines Kindes oder deines Enkelkindes –, folglich erwarten die Kunden einfach ein perfektes Produkt. Die Kundenansprache ist da eine ganz andere als im B2B-Geschäft. Wir bauen auf einen Marketingmix von SEO, SEA über Influencer-Marketing bis hin zur Fernsehwerbung. Unsere Produktionsgesellschaft fertigt aber auch für Drittkunden – White Label und On-demand.

Herr Egger, Herr Ullmann, was waren die größten Herausforderungen beim Weg von der klassischen Druckerei zum eigenen Onlinekanal?

Xaver Egger: Die größte Schwierigkeit war sicherlich die Umsetzung unseres Konfigurators, der die Preise des aktuellen Verpackungstyps anzeigt, auch wenn Maße, Kartonsorten, Bedruckungsoptionen oder Veredelungsoptionen abgeändert werden. Durch die Komplexität unserer Produkte und die gleichzeitige Verknüpfung der Kalkulation mit unseren Produktionsmaschinen hatte diese Aufgabe den höchsten Schwierigkeitsgrad.

Andreas Ullmann: Durchhalten, den eingeschlagenen Weg immer weitergehen und an den Erfolg glauben – trotz Durststrecken, die sicher auch da waren. Es ist nach wie vor eine Herausforderung, „online“ zu denken und zu agieren. Als Drucker sind wir hier noch lange nicht am Ende und es gibt noch jede Menge Entwicklungspotenzial.

Herr Ruhland, was ist denn derzeit Ihre größte Herausforderung?

René Ruhland: Eine der größten Herausforderungen heute ist es, passende Fachkräfte zu finden und zu halten – und zwar in allen Bereichen unseres Unternehmens. Ich bin mir sicher: Am Ende werden diejenigen erfolgreich sein, die die besten Fachkräfte haben. Von der ungelernten Hilfskraft über die ausgebildeten Medientechnologen Druck bis hin zur Softwareentwicklerin oder der Marketingfachkraft ist die Spanne der Beschäftigten in unserer Unternehmensgruppe breit. All diese Menschen und Arbeitsweisen zusammenzubringen ist spannend! Wenn man sich unseren Erfolg ansieht, so hängt dieser immer stark an der Kollaboration. Es herrscht ein gutes und produktives Miteinander.

» Wir müssen bereit sein, stetig an uns zu arbeiten und unsere Leistungen und unser Sortiment zu optimieren und zu erweitern. «
Xaver Egger, Geschäftsführer der EGGER Druck + Medien GmbH

War es schwer, die Mitarbeitenden vom eigenen Onlineshop zu überzeugen?

Andreas Ullmann: Ja, das kann man so sagen. Es gab anfangs durchaus Vorbehalte – und das nicht nur im Betrieb, sondern auch von Branchenbegleitern. Aber das war und ist auch gut so, denn wir hatten ja keinerlei Erfahrung im Digitalen. Jeder darf und soll sich einbringen, damit wir uns weiterentwickeln.

Xaver Egger: Der Onlineshop als weiterer Vertriebskanal wurde zwar gut aufgenommen – es wurde anfangs aber eine starke Trennung zwischen EGGER und madika wahrgenommen. Mit einem Rebranding unseres Onlineshop-Logos in „madika by EGGER Druck“ haben wir zudem versucht, die Verbindung von madika und EGGER sowohl nach außen als auch nach innen noch stärker zu verdeutlichen. Spätestens mit den zuletzt stark gestiegenen Umsatzzahlen von madika haben wir definitiv auch die letzten Zweifler im Haus überzeugt. Inzwischen macht die Onlineplattform ungefähr 40 bis 50 Prozent unseres Gesamtumsatzes aus.

Auch große Onlinedrucker bieten heute Verpackungslösungen an. Was unterscheidet sie?

Xaver Egger: Dass immer mehr große Onlinedrucker in den Markt drängen, zeigt uns, dass der Bedarf da ist und wir mit madika auf das richtige Pferd gesetzt haben. Das heißt aber auch ganz klar: Wir dürfen uns nicht ausruhen, sondern müssen bereit sein, stetig an uns zu arbeiten und unsere Leistungen und unser Sortiment zu optimieren und zu erweitern. Auf madika wird es deshalb zukünftig noch mehr Zusatzleistungen, neue Produkte und viele weitere individuelle Optionen geben. Dazu gehören für uns als Onlineshop auch eine intensive Beratung, außergewöhnliche Produktideen, viele individuelle Serviceoptionen und immer ein überraschendes „Mehr“ an Leistungen, um uns von der Konkurrenz abheben.

Herr Ruhland, was sind Ihre Pläne und Aussichten für MYPOSTER?

René Ruhland: Auch wir arbeiten kontinuierlich an unserer Software und wollen zukünftig auch über Handy-Anwendungen noch näher an den Kunden. Vor allem im Segment Fotobuch sehe ich noch großes Potenzial auch auf den internationalen Märkten. In den vergangenen zwei Jahren hat unser Kundenstamm noch einmal ordentlich zugelegt. Corona, und damit einhergehend der Trend zum Do it yourself, war für uns ein Wachstumstreiber, der uns viele neue Kunden beschert hat. Erst im Januar dieses Jahres haben wir zudem das Unternehmen JUNIQE in Berlin übernommen. Mit der Übernahme kamen auf einen Schlag 70 neue Beschäftigte hinzu. Und wir wollen weiterwachsen, denn Wachstum ist ein wichtiger Bestandteil unserer Unternehmens- DNA.

Wie geht es mit Ihrem Onlineshop weiter, Herr Ullmann?

Andreas Ullmann: Bei 80 Prozent Druckproduktion für unser eigenes Haus, mit Tageszeitung und Wochenzeitungen, spielt unser Onlineportal dann doch eine etwas untergeordnete Rolle. Aber es ist deshalb nicht weniger bedeutend und wird immer wichtiger. Wir bahnen unsere Geschäfte und neue Aufträge im Druck fast nur noch online an. Für uns ist wir-drucken-deine-zeitung ein klarer und wichtiger Weg für unsere Zukunft. In Zeiten von wegbrechenden Auflagen im klassischen Zeitungsgeschäft sehen wir darin eine Chance, Wachstum mit zusätzlichen Aufträgen zu generieren.