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Dekarbonisierung

Nachhaltigkeit – entweder richtig oder gar nicht

Entgegen allen Vorwürfen und falschen Behauptungen: Die Druckindustrie gehört zu den umweltfreundlichsten Branchen unserer Wirtschaft. Druckereien sind schon längst auf dem Weg der Nachhaltigkeit – etwa beim Einsatz und Recycling ihrer Rohstoffe – und auch die CO2-Bilanz eines Druckprodukts braucht den Vergleich mit digitalen Anwendungen nicht zu scheuen.

Corona hat es nur für kurze Zeit geschafft, das Thema Nachhaltigkeit in den Hintergrund zu drängen. Inzwischen ist die Klimadebatte bereits wieder ganz oben auf der Tagesordnung angekommen. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit aber ganz konkret für Unternehmen der Druckbranche und was treibt sie dabei an? Monika Uhlemann, Dieter Körner und Christos Naskos nähern sich im Gespräch dem Thema aus ganz unterschiedlichen Unternehmensperspektiven.

Die Fragen stellte Marian Rappl

Ist Nachhaltigkeit Teil der Unternehmensstrategie?

Dieter Körner: Ich sag es mal ganz flapsig: Das Thema war mir schon wichtig, als ich das Unternehmen 2005 als klassische Akzidenzdruckerei übernommen habe. Bei der damaligen Sanierung des Gebäudes habe ich schon stark auf Nachhaltigkeit gesetzt. Und dann auch bei der Produktion und den Produkten. Denn nachhaltiges Drucken war etwas, mit dem man sich vom Wettbewerber absetzen konnte. Diesen Weg sind wir seither konsequent weitergegangen. Christos Naskos: Auch bei uns ist schon im Jahr 2006 vom Inhaber unserer Heatset-Druckerei die Entscheidung zu einer nachhaltigen Unternehmensführung getroffen worden. Die daraus entstandene Arbeitskultur des Unternehmens lautet „ökonomisch sinnvoll, ökologisch richtig“. Dieser Leitsatz hat das Handeln jedes einzelnen Mitarbeiters dauerhaft geprägt. In den letzten 18 Jahren haben viele größere, aber auch kleinereProjekte stattgefunden, die uns dieses Alleinstellungsmerkmal verschafft haben.

Monika Uhlemann: Nachhaltigkeit steht insbesondere bei den drei Druckunternehmen von mgo360 weit oben auf der Agenda. Wir betreiben seit Langem ein nach DIN 50001 zertifiziertes Energiemanagementsystem und produzieren nach Anforderungen verschiedener Umweltsiegel, doch wir glauben, dass das heute nicht mehr reicht. Mit ein Auslöser war die Feststellung, dass Print immer mehr in Bezug auf Nachhaltigkeit in den Fokus gerät, in der Öffentlichkeit wie bei den Kunden. Es geht jetzt nicht mehr um Einzelfragen wie Ökostrom oder CO2-Kompensation, sondern um einen ganz konkreten Weg, wie wir uns langfristig nachhaltig aufstellen und darübertransparent kommunizieren wollen. Wir haben deshalb mit der Implementierung eines Umweltmanagementsystems begonnen und streben die Validierung nach EMAS an.

Welche Themen sind Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie?

Christos Naskos: Wir betreiben eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie basierend auf den drei Säulen Ökonomie, Ökologie und Soziales. Der Klima- und Umweltschutz, welcher unter die Säule der Ökologie fällt, kommt durch diverse Maßnahmen zum Tragen. Das Ausmaß des Engagements des Unternehmens in diesem Bereich bestätigen zahlreiche Zertifizierungen von EMAS bis hin zur ISO14064. Diese normierten Systeme schaffen Transparenz, Vergleichbarkeit und Seriosität zu einem Thema, welches heutzutage in aller Munde ist. Das Paket des sozialen Engagements enthält eine Fülle von Maßnahmen sowohl für die eigenen Mitarbeiter als auch für die Gesellschaft.

» Wir betreiben eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie basierend auf den drei Säulen Ökonomie, Ökologie und Soziales. «
Christos Naskos, Leitung Forschung & Entwicklung bei Fr. Ant. Niedermayr GmbH

Monika Uhlemann: Zunächst einmal haben wir als Unternehmen die – auch gesetzliche – Verpflichtung, die Umwelt zu schützen. Für einen Industriebetrieb kann das recht umfangreich werden. Wir sind mit unserer Heatset- Druckerei beispielsweise nach der Bundesimmissionsschutzverordnung genehmigungspflichtig, verschiedene Grenzwerte sind einzuhalten und werden behördlich überwacht. Mit unserem Ziel der EMAS-Validierung gehen wir jetzt bewusst einen Schritt weiter, wollen alle Umweltaspekte der betroffenen Unternehmen in einem Gesamtsystem abbilden, und vor allem unsere Mitarbeitenden dabei aktiver beteiligen als bisher.

Welche Strategie verfolgen Sie, Herr Körner?

Dieter Körner: Wir versuchen bei allen Prozessen, so nachhaltig wie möglich zu agieren. Zudem prüfen wir seit 2005 bei jeder Investition, welcher Weg der nachhaltigste ist. Ein ganz großer Schritt nach vorne war die Zertifizierung mit dem Blauen Engel. Da sind noch einige Handlungsfelder identifiziert worden, die wir bis dahin nicht im Blick gehabt haben.

An welchen Stellen geht das Unternehmen über gesetzliche Vorgaben oder Kundenanforderungen hinaus?

Christos Naskos: Definitiv in puncto Umweltschutz und Qualität. Unsere Produkte und ihr Herstellungsprozess erfüllen die höchsten Anforderungen in Sachen Umweltfreundlichkeit und Klimaschutz. Um dies gewährleisten zu können, haben wir eine besondere Produktions- und Prozesslandschaft geschaffen. Diese beinhaltet Prozesse im Hintergrund, welche nur die Entstehung von umweltfreundlichen Produkten zulässt. So garantieren wir die Herstellung von umweltfreundlichen Produkten, auch wenn der Kunde es nicht explizit verlangt. Ihm bleibt lediglich die Entscheidungsmöglichkeit, sein Produkt zusätzlich komplett klimaneutral produzieren zu lassen und dies durch das entsprechende Logo nach außen zu kommunizieren. On top kommtnoch die PSO-Konformität aller Printprodukte, welche immer online und in Echtzeit geprüft wird.

Monika Uhlemann: Einige Anforderungen von Umweltsiegeln sind gesetzlich nicht geregelt, dafür gibt es aber z.B. Vorgaben bei Grenzwerten, die enger gefasst sind, als es der Gesetzgeber vorschreibt. Für manche Kunden sind der Nachweis von Zertifizierungen und die Nutzung von Umwelt-Logos Voraussetzung für die Auftragsvergabe.

» Immer mehr Kunden legen Wert auf CO2-Kompensation und bestimmte Umweltsiegel. Diese Anforderungen erfüllen wir natürlich – und das seit vielen Jahren. «
Monika Uhlemann, Prokuristin und Leiterin Lean Management bei mgo360 GmbH & Co. KG

Welchen Aufwand verursacht das Nachhaltigkeitsengagement im Unternehmen?

Dieter Körner: Zunächst ist das Thema bei mir als Geschäftsführer fest verankert. Und je nach Projekt sind unterschiedliche Mitarbeiter damit beschäftigt. Und bei Investitionen sind die nachhaltigsten Lösungen meist nicht die günstigsten. Also kurz gesagt: Nachhaltigkeit macht Arbeit und verursacht Kosten. Aber das ist es mir wert.

Christos Naskos: Bei uns ist das ganzheitliche Nachhaltigkeitsengagement in der Bereichsleitung Forschung und Entwicklung mit insgesamt sieben Mitarbeitern untergebracht. Die sind natürlich nicht alle Vollzeit mit dem Thema beschäftigt. Der Aufwand darf aber nicht unterschätzt werden.

Monika Uhlemann: Das stimmt! Als Energiemanagement-Beauftragte habe ich ein Team mit drei weiteren Kollegen aus den verschiedenen Unternehmen, die neben ihrer eigentlichen Tätigkeit zusätzliche Aufgaben übernehmen. Aufgrund der stetig komplexer werdenden Anforderungen rund um Energierecht greifen wir zudem auf externe Beratung zurück. Für verschiedene Themengebiete besuchen wir Seminare oder organisieren Inhouse-Schulungen. Wir sind gut aufgestellt, werden uns aber mit weiteren Kompetenzen verstärken müssen. Wer denkt, das ist alles nebenher zu erledigen, der ist auf dem Holzweg: Es ist viel Aufwand – zeitlich, inhaltlich und auch finanziell.

Wie ist das Thema Nachhaltigkeit in die tägliche Praxis integriert?

Monika Uhlemann: Bei einem Investitionsprojekt ist es selbstverständlich, alle Umweltaspekte zu betrachten und die Technik dahingehend optimal auszulegen. Die Energieverbräuche werden an über 100 Messstellen über eine zentrale Software erfasst, überwacht und ausgewertet, jedes Jahr werden verschiedene Maßnahmen zur Effizienzsteigerung umgesetzt. In der Produktion setzen wir Stoffe ein, die den strengen Anforderungen von Umweltsiegeln entsprechen. Alle unsere Mitarbeitenden erreichen wir mit verschiedenen Umweltthemen über unsere Unterweisungssoftware, ich sehe es aber als ein Handlungsfeld an, den Mitarbeitenden noch besser zu spiegeln, was ihre tägliche Arbeit mit Nachhaltigkeit zu tun hat.

» Als modern aufgestelltes Unternehmen ist eine klare Positionierung in Sachen Umwelt unerlässlich. «
Dieter Körner, Geschäftsführer der Bonitasprint GmbH

Christos Naskos: Das integrierte Managementsystem, welches alle Zertifizierungen beinhaltet, ist dem Bereich Forschung & Entwicklung untergliedert. Zu verschiedenen Themenbereichen gibt es spezielle Beauftragte. Ein fast voll digitalisierter Prozess liefert die Daten für die Kennzahlen des Unternehmens im 10-Sekunden- Takt. Es gibt Kennzahlen für diverse Prozesse und Themenbereiche, welche wöchentlich, monatlich und jährlich ausgewertet werden. Die regelmäßige Präsentation der Kennzahlen ermöglicht es der Geschäftsführung, zeitnah zu reagieren. Die Erfassung und Darstellung der jeweiligen Prozesse mit den dazugehörigen Kennzahlen erfolgt digital in Echtzeit und ist für alle Mitarbeiter über diverse Terminals oder einfach über den Browser sichtbar.

Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit für die Kunden?

Dieter Körner: Es ist einer der Hauptgründe, warum Kunden zu uns kommen, gerade auch in unserem Onlineshop. Da kann man zu vielen Produkten den Blauen Engel auswählen und erhält dann entsprechende Konfigurationen. Am Schluss steht dann das Blaue- Engel-Produkt – und genau das suchen viele unserer Kunden.

Christos Naskos: Durch die Verknappung und Verteuerung aller Rohstoffe spielt das Thema der Nachhaltigkeit für unseren Kundenkreis eher eine geringere Rolle. Bei den riesigen Auflagen, die wir für unsere Kunden produzieren, ist der Preis der wichtigste Entscheidungsfaktor. Bei Auftragsvergaben durch uns an unsere Lieferanten achten wir sehr genau darauf, dass alle für uns relevanten Punkte zum Thema Nachhaltigkeit abgedeckt werden.

Monika Uhlemann: Wir stellen schon fest, dass immer mehr Kunden Wert auf CO2-Kompensation und bestimmte Umweltsiegel legen. Diese Anforderungen erfüllen wir natürlich – und das seit vielen Jahren. Immer wieder gibt es Nachfragen, da der Löwenanteil der CO2-Emissionen über das Papier entsteht und nur ein geringer Teil in der Druckerei selbst.

Welchen Stellenwert geben Mitarbeiter dem Thema Nachhaltigkeit?

Christos Naskos: Es ist auf jeden Fall erkennbar, dass jüngere Leute über einen höheren Sensibilisierungsgrad zu dieser Thematik verfügen. Allerdings sehe ich nicht, dass wir Personal vor allem dadurch gewinnen, dass wir nachhaltig aufgestellt sind. Monika Uhlemann: Das vielleicht nicht, aber wir stellen tatsächlich fest, dass bei Bewerbern die Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens und das Image der Branche zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Dieter Körner: Als modern aufgestelltes Unternehmen ist eine klare Positionierung in Sachen Umwelt heute auch unerlässlich – natürlich auch mit Blick auf Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität.

Nachhaltigkeit auf Sparflamme – ist das überhaupt noch möglich?

Christos Naskos: Kategorisch nein! Wenn man sich mit dem Thema seriös und sinnvoll auseinandersetzen möchte, muss man auch die nötigen Mittel und Ressourcen bereitstellen.

Monika Uhlemann: Eine Nachhaltigkeitsstrategie lässt sich nicht einfach so nebenher aufstellen, implementieren und dauerhaft mit Leben erfüllen. Das mussman wollen und auch bereit sein, entsprechend zu investieren und dauerhaft Mittel zur Verfügung zu stellen.

Dieter Körner: Und von mir kommt das dritte „Nein“. Entweder richtig oder „gar nicht“. Und „gar nicht“ hat keine Zukunft.