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Deglobalisierung

Lieferengpässe fordern Druckereien

Papiermangel und Lieferengpässe setzen den Druckunternehmen zu. Dramatische Steigerungen bei den Energiepreisen verschärfen die Situation weiter und haben weitreichende Auswirkungen für die Unternehmen der Druck- und Medienbranche.

Materialknappheit und Kostenexplosion bei Papier und Verbrauchsmaterialien setzen den Unternehmen der Branche zu. Die dramatischen Preissteigerungen für Energie verschärfen die Situation weiter und führen zu spürbaren Umsatzrückgängen.

Die Globalisierung war in den vergangenen Jahrzehnten der Garant für Wachstum und Wohlstand in der westlichen Welt. In den aktuellen Krisenzeiten stellen wir fest, dass der Welthandel immer mehr an seine Grenzen gerät. Der Zusammenbruch der globalen Wertschöpfungsketten der Wirtschaft zwingt viele Unternehmen zum Umdenken. Wie sehr die deutsche Wirtschaft von gut aufeinander abgestimmten und funktionierenden globalen Lieferketten abhängig ist, zeigt eine Umfrage des ifo Instituts in München. Die deutsche Industrie leidet weiter unter Materialknappheit. Im Juli 2022 meldeten demnach 73,3 Prozent der befragten Firmen Engpässe bei der Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten.„Neben der grundsätzlichen Knappheit bei elektronischen Komponenten tragen weiterhin auch Probleme in der weltweiten Logistik, insbesondere im Schiffsverkehr, zu den Beschaffungsproblemen bei“, sagt der Leiter der ifo Umfragen, Klaus Wohlrabe. In den Kernbranchen der deutschen Industrie bleibt die Situation kritisch. In der Elektroindustriedem Maschinenbau und in der Automobilbranche berichteten weiterhin rund 90 Prozent der Unternehmen, dass sie nicht alle Materialien und Vorprodukte bekommen. „Für die nächsten Monate gibt es keine Anzeichen einer deutlichen Erholung bei der Beschaffung wichtiger Werkstoffe“, ergänzt Wohlrabe.

Druckindustrie stark betroffen

Auch die deutsche Druck- und Medienindustrie bekommt die Lieferengpässe und den Rohstoffmangel deutlich zu spüren. So ist die Branche massiv betroffen von einer bislang ungekannten Papierknappheit, unvorhersehbaren Preisentwicklungen, unverbindlichen Lieferterminen und langen Lieferfristen. 80 Prozent der Druck- und Medienunternehmen gaben in einer Umfrage der Verbände Druck und Medien bereits im Februar 2022 an, deutlich von der Situation auf den Papiermärkten beeinträchtigt zu sein, 21 Prozent bewerteten die aktuelle Lage sogar als existenzgefährdend. 72 Prozent haben aufgrund der aktuellen Situation auch im Jahr 2022 Aufträge nicht annehmen können oder verloren und 70 Prozent erwarteten eine dauerhafte Umsatzreduzierung durch die Abwanderung von Printaufträgen in digitale Alternativen.

Als Ursachen spielen hier ganz unterschiedliche Faktoren eine entscheidende Rolle. Bereits im Laufe des Jahres 2021 waren die Lieferketten für Bedruckstoffe und Verbrauchsmaterialien wie Druckfarben oder Druckplatten gestört. Eine schnelle wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie, gestiegene Rohstoff- und Energiepreise und erhöhte Transportkosten trugen dazu bei, dass viele Lieferanten ihre Preise im Laufe des Jahres anhoben, oft sogar mehrfach. Der Umbau von Maschinen für grafische Papiere für den Aufbau neuer Kapazitäten für Verpackungspapiere hatte zudem spürbare Auswirkungen auf die Papiermärkte. Ein Streik in den finnischen Werken von UPM von Januar bis Mitte Mai 2022 beeinflusste zudem die Papierpreise und -versorgung in ganz Europa. „Die Papierknappheit bedroht den Druck von Publikationen wie Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Werbung, und die Kartonknappheit bedroht den Verpackungsdruck.
Besonders gefährdet sind zeitkritische Produkte sowie lebenswichtige Produkte wie Lebensmittel, Medikamente und Schulbücher“, sagt Beatrice Klose, Generalsekretärin von Intergraf, dem europäischen Dachverband der Druckindustrie. „Hinzu kommen steigende Preise und beträchtliche Energiezuschläge, die von den Papierherstellern Ende 2021 ohne Vorwarnung eingeführt wurden. Für einige Druckereien sind die Papierpreise im Vergleich zu vor einem Jahr um 100 Prozent gestiegen – Kosten, die nicht vollständig auf die Kunden abgewälzt werden können“, beschreibt sie die herausfordernde Situation der europäischen Unternehmen.

Energiekrise verschärft die Lage massiv

War man zu Beginn des Jahres 2022 dennoch vorsichtig optimistisch, dass sich die allgemeinen Rahmenbedingungen verbessern und die Dinge allmählich zur Normalität zurückkehren würden, so machte der Ausbruch des Krieges in der Ukraine dieser Hoffnung schon früh im Jahr einen Strich durch die Rechnung. Die russische Invasion in der Ukraine und die daraus resultierenden Wirtschaftssanktionen haben zu weiterer Unsicherheit geführt und Lieferengpässe wurden dadurch nochverschärft. Die Hauptauswirkungen des Krieges sind jedoch bei den Energiepreisen zu beobachten, die die gesamte Wertschöpfungskette massiv treffen.
Die enormen Preissteigerungen bei Papier und Energie versuchen die Betriebe mit Verkaufspreissteigerungen gegenüber ihren Kunden zu kompensieren. Das gelingt laut Umfrage rund 60 Prozent der Unternehmen bei mehr als der Hälfte ihrer Kunden − allerdings lediglich mit einer Kostendeckung von rund 60 Prozent. Bei ohnehin oft knappen Margen dürfte es vielen Betrieben schwerfallen, diese Lücke zu verkraften. Die Druckindustrie befindet sich in einer außerordentlich schwierigen Situation. Printkunden reagieren mit Umfangs- und Auflagenreduzierungen. Viele Betriebe haben auch bereits Aufträge durch Preissteigerungen verloren und erwarten auch für die Zukunft dauerhafte Umsatzreduzierungen.

Forderungen an Politik und Lieferanten

Auf seiner Sitzung in Aschheim im Mai 2022 sprach sich der Vorstand des Verbandes Druck und Medien Bayern für eine gemeinsame Kraftanstrengung der gesamten Wertschöpfungskette Print aus, um sich dieser Entwicklung entgegenzustemmen. Zudem forderte er die Politik dazu auf, für Sicherheit und Bezahlbarkeit bei der Energieversorgung sowie für notwendige Entlastungen von energieintensiven Industrien wie der Papierbranche zu sorgen. Das Gremium sprach sich außerdem mit Nachdruck dafür aus, sich für den Erhalt der kritischen Infrastruktur der Wertschöpfungskette Papier, Druck, Presse und Verpackung einzusetzen und Importzölle für Papierimporte aus Asien abzuschaffen. Die Verbände Druck und Medien blicken mit großer Sorge auf den deutschen Printmarkt. „Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem wir aufpassen müssen, dass das Printgeschäft angesichts der dramatischen Verteuerungen überhaupt noch rentabel ist“, warnt Wolfgang Poppen, Verleger der Badischen Zeitung und Präsident des Bundesverbandes Druck und Medien. Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchverlage haben kaum Möglichkeiten, die erhöhten Papierkosten an die Leser oder Anzeigenkunden weiterzugeben. Poppen: „Für die deutsche Presselandschaft ist das mittlerweile eine ernstzunehmende Bedrohung.“ Die Flucht ins Digitale ersetzt nicht die Glaubwürdigkeit gedruckter Produkte, sondern mindert zudem noch die Erreichbarkeit der Leser und gefährdet die Meinungsund Pressefreiheit.

Printkunden verzichten auf gedruckte Produkte

Angesichts der schwierigen Lage der gesamten Printbranche appellieren die Verbände Druck und Medien an die Papierindustrie, auch weiterhin für ausreichende Produktionskapazitäten für grafische Papiere zu sorgen, zugesagte Liefermengen und -preise einzuhalten sowie Preisänderungen sorgfältig und mit langfristigem Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette zu prüfen. „Wir laufen sonst Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten, bei dem sich immer mehr Kunden wegen der hohen Preise aus dem Printgeschäft verabschieden und Printaufträge vollständig wegbrechen“, warnt Poppen eindringlich.