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Konsequenzen für die Volkswirtschaft

Wirtschaftliche Implikationen der Corona-Krise

Die moderne arbeitsteilige Weltwirtschaft wurde von der Corona-Pandemie historisch einmalig getroffen. Durch die globalen Lockdown-Maßnahmen ist ein zunächst symmetrischer Schock eingetreten, der sich jedoch im Weiteren nach Land und Branche unterschiedlich auswirkte.

Von Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Mit der Öffnung des Lockdowns und aufgrund der gezielten wirtschaftspolitischen Stützungspakete – zunächst zur Liquiditätssicherung in den Unternehmen, dann zur Konsumstützung und Investitionsbelebung – haben sich die Belastungen wieder ansatzweise zurückgebildet. Das zeigt sich an verschiedenen wirtschaftlichen Stimmungsindikatoren. So befand sich der ifo-Geschäftsklimaindex, der die zukünftigen Erwartungen von Unternehmen abbildet, im Juli bereits wieder deutlich über dem Vorkrisenniveau und erreichte sogar den höchsten Wert seit November 2018. Auch der die private Nachfrage erfassende GfK-Konsumklimaindex scheint sich laut Prognosen für August wieder zu erholen, was für eine allmähliche Entspannung der Nachfragesituation spricht. Mit steigenden und verbesserten Aussichten kommt das Konsumentenvertrauen zurück. Dafür sind aber noch weitere Stimmungsaufheller notwendig. Auch treten jetzt Konsumentscheidungen wieder zutage, die in der Zeit des Lockdowns ausgesetzt worden sind.

Die Krisenentwicklung lässt sich auch anhand der Auftragseingänge der Industrie messen. Im März fielen die Auftragseingänge um 15 Prozentpunkte zum Vormonat, im April sogar um weitere 23 Prozentpunkte. Dieser tiefe Fall verschärft den schon seit mehr als zwei Jahren beobachteten Abwärtstrend im verarbeitenden Gewerbe. Seit dem Höhepunkt der Auftragseingänge im Dezember 2017 steckte die deutsche Industrie in einer anhaltenden Rezession, deren vorläufiger Tiefpunkt im April 2020 mit einem realen Rückgang der Auftragseingänge von 43 Prozent erreicht war. Im Gegensatz zur Abwärtsdynamik der Finanzkrise 2008/2009 sind in der Corona-Krise auch Dienstleistungsunternehmen stark betroffen und verzeichnen massive Umsatzrückgänge, allen voran die Reise- und Tourismusbranche, ebenso manche Bereiche des Einzelhandels. Das Baugewerbe hingegen scheint einigermaßen resilient gegenüber den bisherigen Auswirkungen der Krise. Aufgrund des symmetrischen Schockereignisses und seiner – sich differenzierenden – Auswirkungen über nahezu alle Sektoren und Branchen hinweg, rechnen wir mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts in Höhe von bis zu neun Prozent im Jahr 2020. Mit den im Mai begonnenen Lockerungen der Lockdown-Maßnahmen hat die Wirtschaft im zweiten Quartal den Tiefstand erreicht, dennoch ist ein Erreichen des Vorkrisenniveaus erst auf mittlere Sicht – 2021 auf 2022 – zu erwarten.

» Im Mittelstand wird sich zeigen, ob die Eigenkapitalquoten für einen Großteil der Unternehmen als Polster gegen die Corona-Krise ausreichend sind. «
Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Der aktuell beobachtbare Aufschwung ist keineswegs eine Einbahnstraße. Ein Risiko besteht in einer zweiten Infektionswelle im Zusammenhang mit der Urlaubszeit. Bis jetzt waren die regionalen Behörden durch lokal wirksame Maßnahmen in der Lage, das Überspringen eines lokalen Infektionsherdes auf weitere Kreise zu verhindern. Darauf muss auch weiterhin gesetzt werden, um einen zweiten Lockdown zu verhindern. Eine weitere Unsicherheit besteht in der Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die bis jetzt durch den umfangreichen Einsatz des Instruments der Kurzarbeit recht glimpflich verläuft. Zumindest aber starke Einkommensunsicherheiten und mangelndes Konsumentenvertrauen dürften die gesamtwirtschaftliche Entwicklung weiterhin prägen.

Auch die dynamische Entwicklung der Corona-Pandemie in den Vereinigten Staaten, Lateinamerika und Indien kommt eine entscheidende Rolle für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft zuteil. Eine rasche Eindämmung der Infektionszahlen in den USA zeichnet sich noch nicht ab; hinzu kommen anhaltende politische Unsicherheiten und eine weiterhin hohe Arbeitslosigkeit. Damit verglichen ist die Entwicklung in China mittlerweile wieder von stabiler Dynamik geprägt. In Europa ringen alle Volkswirtschaften mit weiteren Unsicherheiten der Pandemie. Alles zusammengenommen dürfte die Erholung der für die deutsche Exportwirtschaft so wichtigen ausländischen Nachfrage eher moderat verlaufen.

Hinzu kommt schließlich, dass sich in den kommenden Quartalen vermehrt Unternehmensinsolvenzen zeigen werden, da die Anzeigepflicht für Insolvenzen in der Krise vorerst bis Ende September 2020 ausgesetzt wurde. Gerade im Mittelstand wird sich zeigen, ob die seit der Finanzkrise stark gestiegenen Eigenkapitalquoten für einen Großteil der Unternehmen als Polster gegen die Corona-Krise ausreichend sind. In Kleinstunternehmen sind die Eigenkapitalquoten in den letzten Jahren auf einem geringeren Niveau verblieben, was sie besonders anfällig in derartigen Krisen macht. Sollte eine Insolvenzwelle tatsächlich eintreffen, drohen große strukturelle Verschiebungen auf den Märkten, vor allem im Wettbewerbsumfeld. Digitalfirmen aus den USA und chinesische Investoren würden eine Möglichkeit sicherlich nicht verstreichen lassen, in die entstehenden Lücken zu stoßen. Ein anhaltender gesamtwirtschaftlicher Pessimismus in Wechselwirkung mit global ansteigender Unsicherheit könnte eine langfristige Investitionszurückhaltung bei den Unternehmen zur Folge haben. In einem solchen Fall dürfte die Investitionsbereitschaft erst bei nachhaltig höherer Kapazitätsauslastung in den folgenden Jahren wieder Fahrt aufnehmen.

Das Krisenmanagement der Politik war sachlich und zeitlich angemessen. Die Aufteilung des Konjunkturpakets zwischen kurzfristig wirksamen nachfragepolitischen Maßnahmen, wie dem Familienbonus, einer Absenkung der EEG-Umlage oder der Mehrwertsteuersenkung, und längerfristig ausgelegten Investitionsprojekten erscheint pragmatisch und sinnvoll. Weiterhin zu würdigen sind die Bestrebungen, auch auf europäischer Ebene ein großes Konjunktur- und Wachstumsprogramm – Next Generation EU – auf den Weg zu bringen. Es besteht Grund zur Hoffnung, dass durch eine europäische Kooperation ein Gegengewicht zur zunehmenden Re-Nationalisierung und De-Globalisierung entstehen kann. Möglicherweise werden sich durch die Corona-Pandemie verstärkt digitale Technologien durchsetzen und technologiegetriebene Innovationen mit sich bringen. Die Krise hat in jedem Fall einen auf politischer, aber mitunter auch auf unternehmerischer Ebene eklatanten Nachholbedarf nochmals offengelegt.

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