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Unternehmergespräch

Mit einem blauen Auge davon-gekommen?

Die Corona-Krise stellt die Unternehmen der Druckindustrie vor nie gekannte Herausforderungen: rasant wegbrechende Aufträge, den Schutz der Mitarbeiter vor Infektion, das Abreißen von Lieferketten. Wie sie diese Situation erlebt und letztendlich gemeistert haben, darüber sprechen die Unternehmer Fritz Föttinger, Johannes Helmberger, Dr. Oliver Kranert und Josef Schießl.

Am 16. März rief die Bayerische Staatsregierung den Katastrophenfall aus. Geschäfte mussten schließen, Abstands- und Hygieneregeln traten in Kraft. Wie haben Sie als Druckereiunternehmer den Beginn der Corona-Pandemie erlebt?

HELMBERGER_Bereits die Wochen zuvor haben wir die Entwicklung im Ausland aufmerksam verfolgt und damit gerechnet, dass Covid-19 auch in Deutschland ankommen wird. Als dann absehbar war, dass es zu massiven Einschränkungen kommen wird, haben wir zunächst alles dafür getan, die Produktion in den kommenden Wochen abzusichern. Konkret haben wir unsere Lagerbestände mit Farben, Druckplatten und Papier so hochgefahren, dass es für die nächsten drei Monate reichen würde. Einen richtigen Pandemieplan hatten wir nicht in der Schublade. Ich habe schon immer viel Wert auf klare und transparente Prozesse im Unternehmen gelegt. Das hat uns geholfen, auch bei den notwendigen Hygienemaßnahmen schnell und konsequent handlungsfähig zu sein.

KRANERT_Die Produktion sicherstellen war auch unser vorrangiges Ziel. Schnell standen wir in intensivem Kontakt zu unseren Hauptlieferanten, um die Lieferfähigkeit in den kommenden Wochen sicherzustellen. Parallel haben wir ein umfangreiches Hygienekonzept für die Mitarbeiter erstellt, das es uns ermöglicht hat, in allen Unternehmensbereichen gut und sicher durch die Krise zu kommen. Und wenn wir heute über ausreichend Masken und Desinfektionsmittel für alle unsere 350 Mitarbeiter verfügen, dann vergisst man schon fast, welche Herausforderung es im März war, all diese Dinge zu beschaffen. Ganz wichtig war die schnelle und transparente Kommunikation im Betrieb, um alle Mitarbeiter in dieser Krise von Anfang an mitzunehmen. Hierbei hat uns auch der Betriebsrat schnell und unkompliziert unterstützt.

FÖTTINGER_Auch wir hatten keinen Pandemieplan und mussten diesen erst entwickeln. Doch das war durch die umfassenden Hilfestellungen von Verband und Behörden kein Hexenwerk. Konkret hieß das dann: Sozialräume schließen, Masken- und Desinfektionspflicht, die Schichten voneinander trennen, Mitarbeiter, soweit irgendwie möglich, ins Homeoffice schicken. So gelang es uns, das Virus bis auf einen Infektionsfall aus der Firma rauszuhalten. Und dieser eine Fall trat zum Glück am Wochenende auf, sodass sich keine weiteren Mitarbeiter ansteckten. Insgesamt haben unsere Mitarbeiter in dieser schwierigen Phase großartig mitgezogen. 

» Unsere Auftragsbücher waren Mitte März noch gut gefüllt – fast so, als gäbe es keine Krise. Doch uns war sehr schnell klar, dass es dann dramatisch werden würde. Und so kam es dann auch. «
Fritz Föttinger, Geschäftsführender Gesellschafter. F&W Druck und Mediencenter GmbH, Kienberg

Herr Schießl, die Zeitungsdruckerei der Süddeutschen Zeitung ist ja in eine größere Unternehmensgruppe eingebunden. Macht es das leichter, die Krise zu überstehen?

SCHIESSL_Was die Informationsbeschaffung und den Austausch untereinander angeht, ganz sicherlich. So wurde ein unternehmensübergreifender Krisenstab gebildet, der die Lage sondiert und uns mit allen relevanten Informationen versorgt hat. Einen Pandemieplan gab es, er musste jedoch noch angepasst werden. So hatten wir zügig ein sehr hohes Schutzniveau hergestellt. Das war aber auch nötig, schließlich war München und das Umland lange Zeit einer der Corona-Hotspots in Deutschland. Wir haben den ganzen Betrieb verschränkt arbeiten lassen, also 7 Tage die eine Hälfte der Mitarbeiter und dann 7 Tage die andere Hälfte. Zusätzlich gab es Notfallpläne zur gegenseitigen Unterstützung der Zeitungsdruckereien mit Nordischem Format. Bislang hatten wir insgesamt vier Corona-Infektionen in der Belegschaft. Durch schnelle Isolierung und das funktionierende Schutzkonzept ist es gelungen, ein weiteres Ausbreiten des Virus in der Belegschaft und damit die Verhängung einer umfassenden Quarantäne zu verhindern. Für mich persönlich war es erschreckend zu sehen, wie schnell eine Ansteckung durch Covid-19 passieren kann. Wie schnell haben sich denn bei Ihnen die Umsatzeinbrüche in der Corona-Krise ausgewirkt?

FÖTTINGER_Unsere Auftragsbücher waren Mitte März noch gut gefüllt und so haben wir zunächst noch bis Mitte Mai nahezu unverändert weiterproduzieren können– fast so, als gäbe es keine Krise. Doch uns war sehr schnell klar, dass es dann dramatisch werden würde. Und so kam es dann auch. Die Aufträge, vor allem auch aus den Bereichen Messen und Veranstaltungen, brachen rapide weg. Durch diesen Vorlauf hatten wir allerdings sechs Wochen Zeit, uns auf unseren eigenen Lockdown vorzubereiten und alle zur Verfügung stehenden Hilfsangebote wie Kurzarbeit und finanzielle Hilfen genau zu prüfen.

HELMBERGER_Bei uns ging das sehr viel schneller nach unten. Von rund um die Uhr mit der Produktion von Handelswerbung laufenden Maschinen landeten wir nach nur 48 Stunden in einem Auftragsrückgang von rund 40 Prozent. Denn geschlossene Läden brauchen einfach keine Werbung. Sehr geholfen hat uns in der Zeit, dass vor allem Lebensmittelhändler, aber auch Drogeriegeschäfte weiter offen hatten. Sie zählen zu unseren wichtigsten Kunden. Auch deswegen lief unser Vorstufen- und Agenturgeschäft weiter – allerdings von einem Tag auf den anderen mit mehr als 50 Mitarbeitern im Homeoffice. Dass das reibungslos funktioniert hat, war eine großartige Leistung des gesamten Teams!

» Beim Homeoffice hat die Krise den Durchbruch gebracht. Die Vorteile: bessere Vorbereitung von Terminen und disziplinierterer Gesprächsablauf. «
Josef Schießl ist Geschäftsführer der Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH in München.

KRANERT_Die Lage am Buchmarkt ist sehr differenziert. Bei den Publikumsverlagen gibt es welche, die die Krise kaum gemerkt haben, andere wiederum haben massive Einbrüche zu verzeichnen, je nach Zielgruppe und Vertriebskanal. Bei Fachverlagen erlebten wir zum Teil sogar Zuwächse. Da merkt man dann, dass Juristen im Homeoffice plötzlich einen eigenen Gesetzeskommentar brauchen, weil die Bibliothek der Kanzlei nicht zur Verfügung steht. Der Bereich der kirchlichen Literatur ist bislang sehr stabil, während das Geschäft mit Industriekunden zurzeit verständlicherweise sehr schwierig ist.

Welche staatlichen Unterstützungsleistungen haben Sie in Anspruch genommen und welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

HELMBERGER_Wir haben uns z.B. die Umsatzsteuer-Vorauszahlung zurückgeholt. Ziel war es, die Liquidität im Unternehmen hoch zu halten. Weniger erbaulich waren die Gespräche mit Banken, hier waren viele Maßnahmen noch nicht ausgereift. Und letztendlich sind die meisten Hilfen dann doch Kredite, die man irgendwann zurückzahlen muss. Positiv ohne Wenn und Aber ist das Instrument der Kurzarbeit.

SCHIESSL_Auch wir nutzen Kurzarbeit intensiv. Zudem haben wir dem Liquiditätsschutz oberste Priorität gegeben und fast alle Projekte zurückgestellt. Das hat sich sehr positiv bemerkbar gemacht. Aber da darf man sich nicht täuschen, denn das sind nur aufgeschobene Investments, die wir wie eine Bugwelle vor uns herschieben.

FÖTTINGER_Auch bei uns war die Einführung der Kurzarbeit das mit Abstand wichtigste Instrument, um die Wirtschaftlichkeit unseres Unternehmens abzusichern. An der Stelle möchte ich auch einmal dem Verband sehr herzlich dafür danken, dass er uns jeden Tag mit aktuellen Informationen versorgt hat und uns auch persönlich mit Rat und Tat unterstützt hat. Das war für uns sehr hilfreich. Ansonsten haben wir die Zeit genutzt, um Überstunden und Urlaubsüberhänge im Unternehmen abzubauen.

Wie hat sich denn die Krise auf die Zeitungen ausgewirkt?

SCHIESSL_Sehr unterschiedlich. Viele Presseverkaufsstellen in Flughäfen und Bahnhöfen waren geschlossen. Das haben wir im Einzelverkauf gespürt, der insgesamt aber zugenommen hat. Also Auflagenstabilität der gedruckten Zeitung bei digitalem Wachstum. Gerade in einer Krise wollen die Menschen sorgfältig recherchierte und gut aufbereitete, verlässliche Informationen. Geholfen hat uns in dieser Zeit, dass wir als Zeitung von Bundes- und Landesregierung als infrastrukturell relevant eingestuft wurden. So konnten beispielsweise Mitarbeiter aus anderen Branchen, die sich in Kurzarbeit befanden, ihren Lohn steuerfrei durch eine Tätigkeit in der Zeitungszustellung aufbessern. Aber natürlich haben auch wir Einbrüche gespürt, beispielsweise im regionalen Anzeigengeschäft, bei den Beilagen oder bei den Anzeigenblättern. Mittlerweile kommen die Beilagen langsam zurück, haben aber noch lange nicht das Vorkrisenniveau erreicht.

» Die Krise hat uns geholfen, Abstimmungsprozesse mit dem Kunden zu digitalisieren und so schneller und effizienter zu gestalten. «
Johannes Helmberger ist Geschäftsführender Gesellschafter der Fr. Ant. Niedermayr GmbH & Co. KG in Regensburg.

Von teilweise herben Auftragseinbrüchen war bereits die Rede. Wie hat sich denn der Kontakt zu den Kunden in dieser Zeit verändert?

FÖTTINGER_Deutlich! Die Kunden waren plötzlich fast immer erreichbar, sei es im Büro oder im Homeoffice. Die Gespräche haben meist länger gedauert als sonst. Neben den geschäftlichen Themen haben wir auch viel über die Krise und die jeweilige Situation gesprochen. Dieser, häufig auch persönliche, Austausch hat die Kundenbeziehung auf alle Fälle vertieft. Die Krise schweißt die Menschen zusammen.

HELMBERGER_Die Corona-Krise hat uns sehr geholfen, Abstimmungsprozesse mit dem Kunden zu digitalisieren und damit schneller und effizienter zu gestalten. So haben wir den endgültigen Durchbruch in Sachen Online-Freigaben erzielt. Selbst die Kunden, die bis zuletzt noch persönliche Freigaben wollten, schwören inzwischen auf unsere Online-Prozesse. Die Kundenabstimmung sowie die Abwicklung der Aufträge sind nun komplett digitalisiert. So weit wären wir ohne die massiven Veränderungen durch Corona gewiss nicht. Die Krise wirkt also nicht nur als Zerstörer, sondern auch als Motor für Innovation und Veränderung?

KRANERT_Eindeutig ja! Unsere Erfahrungen zeigen, dass wir Veränderungen während der Krise viel schneller umsetzen konnten. Bestes Beispiel: Telefon- und Videokonferenzen. Die Effektivität hat hier enorm zugenommen. Meetings, die uns vor der Krise oftmals mehr als eine Stunde gekostet haben, schaffen wir jetzt locker in 30 Minuten. Das Thema Homeoffice ist hochaktuell und durchaus kontrovers zu sehen. Wir sind auch hier effektiv und arbeiten qualitativ hochwertig! Eine Herausforderung sehe ich jedoch sehr deutlich: Wie führt man Mitarbeiter im Homeoffice? Wie viel Präsenz ist nötig? Was passiert mit Teams und kreativen Prozessen? Da betreten wir absolutes Neuland.

FÖTTINGER_Ehrlich gesagt habe ich nicht geglaubt, dass Homeoffice sowohl in der Druckvorstufe als auch in der Sachbearbeitung so gut funktioniert und sogar hilft, Prozesse zu verbessern. Durch die wegfallenden persönlichen Nachfragen werden Auftragspapiere nun viel klarer formuliert, Nachfragen oder gar Kontrollgänge in die Produktion sind kaum mehr nötig. Das hat sich auf die Effizienz unserer Abläufe sehr positiv ausgewirkt. Und noch etwas: Für uns als Unternehmen auf dem flachen Lande wird – dank Homeoffice ohne lange Pendelzeiten – die Mitarbeiterrekrutierung auch in entfernteren, bevölkerungsreicheren Gegenden, wie beispielsweise München, möglich.

SCHIESSL_Das Thema Prozessmanagement spielt bei uns seit vielen Jahren eine zentrale Rolle. Das hat uns in der Krise geholfen und unseren Weg der permanenten Optimierung bestätigt. Beim Homeoffice hat die Krise nun den Durchbruch gebracht. Die Vorteile: bessere Vorbereitung von Terminen und disziplinierterer Ablauf von Gesprächen. Übrigens: Ein Mitarbeiter, der im Homeoffice seine Arbeit nicht gewissenhaft erledigt, tut das im Büro in der Regel auch nicht. Das hat dann generell etwas mit Personalführung zu tun.

» Ganz wichtig war die schnelle und transparente Kommunikation im Betrieb, um alle Mitarbeiter von Anfang an mitzunehmen. «
Dr. Oliver Kranert ist Geschäftsführer der Druckerei C.H.Beck in Nördlingen.

Auftragseinbrüche bewirken zwangsläufig, dass die Umsätze zurückgehen. Macht sich das genauso im Ergebnis bemerkbar?

HELMBERGER_In der Krise sind uns vor allem kleinere Kunden weggebrochen, deren Aufträge im Verhältnis zum Auftragsvolumen mehr Arbeit machen. Ein Blick in die Zahlen zeigt mir, dass wir in den vergangenen Monaten mit deutlich weniger Aufträgen, in Verbindung mit den umgesetzten Kostenreduzierungen und also auch mit weniger Personal, unterm Strich ein ähnliches Ergebnis erzielen. Das gibt mir zu denken. Wir werden prüfen müssen, ob wir uns nicht von spürbar weniger rentablen Aufträgen komplett trennen. Diesen Gedanken haben wir zwar schon länger im Hinterkopf gehabt, sind vor der konkreten Umsetzung bisher aber zurückgeschreckt.

FÖTTINGER_Auch wir werden uns von bestimmten Aufträgen trennen. Wenn sich das Ergebnis trotz rückläufiger Umsätze kaum verändert, sagt das eigentlich schon alles. Die Krise hat es wie unter einem Brennglas gezeigt: Aufträge, die mit hohen Kosten und sehr geringem Ertrag verbunden sind, sollte man als verantwortungsvoller Unternehmer nicht in seinen Büchern haben. Hier haben wir alle in den zurückliegenden Wochen viele Erfahrungen gesammelt, die wir in Zukunft unbedingt stärker berücksichtigen sollten.

Vom Brennglas zum Fernrohr: Ist denn schon zu erkennen, wie sich die Märkte in Zukunft entwickeln werden?

KRANERT_Wir werden im Buchmarkt weiterhin mit Rückgängen zu kämpfen haben, dieser Trend wird durch die Corona-Krise auf jeden Fall verstärkt werden. Ganz sicher werden wir immer stärker gezwungen, genauer hinzuschauen, welche Aufträge wir mit welchem Ergebnis produzieren. Insgesamt wird unser Umsatz 2020 rückläufig sein. Wir gehen aber im Moment davon aus, mit einem blauen Auge davonzukommen.

FÖTTINGER_Das mit dem blauen Auge trifft auch auf uns zu. Insgesamt ist unsere Branche sehr konjunkturabhängig und wird bei einer gesamtwirtschaftlichen Rezession sicher weiter leiden. Und nach wie vor ist der Markt sehr umkämpft. Ob die Krise hier eine Konsolidierung bringt, bleibt abzuwarten. Im Übrigen werden die Kunden sicher noch stärker abwägen, was sie digital oder gedruckt umsetzen. Für unser Unternehmen bleibe ich positiv gestimmt: Sowohl unsere Mitarbeiter in der Technik als auch im Vertrieb haben immer kreative Ideen, mit denen wir unsere Kunden auch in Zukunft begeistern können. Außerdem werden wir uns noch stärker mit der Frage auseinandersetzen, wie wir in Zukunft durch die Digitalisierung unseren Vertrieb stärken können. 

HELMBERGER_Im Rollenoffsetdruck werden wohl etwa 30 % des Marktvolumens dauerhaft nicht wieder zurückkommen. Auch wenn einige stationäre Händler ihre Werbebeilagen gerade evaluiert und sich klar für Print entschieden haben, gibt es auch große Handelsketten, die sich komplett aus Print zurückgezogen haben oder ihre Print-Aktivitäten deutlich reduzierten. Und natürlich werden auch Unternehmen aus dem Markt verschwinden. Es wird also ambitionierter, in diesem Markt erfolgreich zu sein. Aber diesen Herausforderungen stellen wir uns!

Gehen wir nun also wieder zur Tagesordnung über?

SCHIESSL_Davor kann ich nur dringend warnen. Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden, weder wirtschaftlich noch hinsichtlich einer zweiten Welle. Wir müssen darauf achten, dass die Krise nicht zur Gewohnheit wird und die Mitarbeiter in ihren Schutzmaßnahmen nachlassen. Zu groß ist die Gefahr einer Infektion für die Gesundheit und das ganze Unternehmen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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