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Perspektiven für die Druckindustrie

Eine Branche im Griff der Pandemie

Corona drückt der Branche seinen Stempel auf und zeigt wie unter einem Brennglas, wo die Stärken und Schwächen der Branche liegen.

Von Christoph Schleunung, Landesvorsitzender VDMB und Geschäftsführender Gesellschafter Schleunungdruck und Druckhaus Mainfranken

Der Absturz kam jäh, als Mitte März Schulen, Hotels und Gaststätten geschlossen, Messen und Kongresse abgesagt wurden und die gesamte Wirtschaft in eine Art Tiefschlaf fiel. Alle Konjunkturbarometer drehten in historische Tiefststände, die gesamte mittelständische Wirtschaft stand auf einen Schlag auf Messers Schneide: Umsätze brachen ein und Aufträge weg, und dies in einer Massivität, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat. Unsere Welt ist fest im Griff der Corona-Pandemie.

Die Unternehmen der Druck- und Medienbranche traf die Krise mit leichter Zeitverzögerung. Nach Abarbeiten der noch vorhandenen Aufträge brach das Auftragsvolumen jedoch bei fast allen Betrieben dramatisch ein. Wie bedrohlich die Lage tatsächlich war, offenbarte eine erste Branchenumfrage Ende April. 94 % der Unternehmen waren von Corona-bedingten Auftragsrückgängen betroffen, 75 % sogar stark. Ein Drittel der Unternehmen erwartete im zweiten Quartal 2020 eine Halbierung des Umsatzes gegenüber dem Vorjahresquartal. Unter diesen Umständen rechnete nur jedes fünfte Unternehmen damit, seine Existenz bis maximal Ende Juni 2020 aufrechtzuerhalten, weitere 24 % gaben an, bis in den Juli durchhalten zu können. Die Branche zeigte zwar laut des Instituts für Wirtschaft in Köln geringere Einbußen als z.B. die Automobilwirtschaft, die Luft- und Raumfahrtindustrie oder Dienstleistungsgewerbe wie in der Hotel- und Gaststättenbranche. Spätestens aber mit dem Einbruch des Werbemarktes sahen sich viele Druck- und Medienunternehmen existenziell bedroht.

Dass das alles nicht das sofortige Aus für unsere Unternehmen bedeutete, ist auch der Schnelligkeit und vor allem der Vehemenz des Handelns der Politik zu verdanken. Mit umfassenden und vor allem unbürokratischen finanziellen Hilfen, mit dem bewährten Mittel der Kurzarbeit und vielen weiteren Zuschüssen, Steuerstundungen und Sofortkrediten wurden das wirtschaftliche Überleben gesichert und Arbeitsplätze erhalten. Und diese umfassenden Hilfsmaßnahmen erfüllten ihren Zweck und haben den Unternehmen geholfen, in der schlimmsten Zeit durchzuhalten. Denn schon Ende Juni signalisierte eine weitere Umfrage bereits leichte Zuversicht hinsichtlich der Umsatzentwicklung in der Druck- und Medienwirtschaft. Mit den Lockerungen der Kontakteinschränkungen und einer zunehmenden Erholung des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens steigt naturgemäß auch der Bedarf an Druckprodukten wieder an und sichert das Überleben von Betrieben – wenngleich auch branchenweit der Umsatz im Jahr 2020 noch spürbar unter dem des Vorjahres liegen dürfte.

» Krisen wirken wie Brandbeschleuniger des Wandels. Das hat auch sein Gutes, weil sich in der Krise Veränderungen häufig schneller durchsetzen lassen. «
Christoph Schleunung, Landesvorsitzender VDMB und Geschäftsführender Gesellschafter Schleunungdruck und Druckhaus Mainfranken

Als konjunkturell nachlaufende Branche brauchen wir allerdings auch einen besonders langen Atem, um diese herausfordernde Zeit zu überstehen. Viele unserer Kunden kämpfen um die Wiederherstellung ihrer Lieferketten, um den Wiederaufbau ausländischer Absatzmärkte und nicht zuletzt um das Vertrauen der deutschen Verbraucher. Letzteres erscheint mir gegenwärtig am essenziellsten, denn ohne Vertrauen fehlt die Zuversicht in die eigene Zukunft. Wir stellen schon heute fest, dass der Verbraucher trotz wieder geöffnetem Einzelhandel nach wie vor mit großer Kaufzurückhaltung reagiert. Hier gilt es für die öffentliche Hand, durch zielgerichtete Konjunkturprogramme wieder Anreize zur Stimulierung der Kauflaune zu setzen. Denn nur da, wo Produkte und Dienstleistungen gekauft werden, können Handel, Hersteller und Zulieferer Geld verdienen – und platzieren dann auch wieder Druckaufträge. Aber auch heute ist noch offen, wie lange die Krise weiter bestehen wird und wann wir wieder annähernd einen Normalzustand erreichen werden. Uns allen dämmert allerdings: Es wird voraussichtlich noch länger dauern. Aber auch das ist in unserer Branche immer wieder zu hören: „Wir werden voraussichtlich mit einem blauen Auge davonkommen.“ Das wäre angesichts der unfassbaren Umwälzungen in den Wochen nach dem Lockdown dann eine wirklich erstaunliche Perspektive.

Krisen wirken wie ein Brennglas. Sie lassen Gutes in noch glänzenderem Licht erscheinen und Schlechtes noch hinderlicher oder gar zerstörerischer wirken. In Zeiten der Krisenbewältigung ist viel über Solidarität gesprochen worden. Das ist gut und richtig so, denn Solidarität ist einer unserer wesentlichen gesellschaftlichen Eckpfeiler. Zuschüsse, Steuerstundungen und Kurzarbeitergeld sind sichtbare Zeichen gelebter Solidarität einer Gesellschaft, die um die Bedeutung ihrer Wirtschaft und ihrer Arbeitsplätze weiß. Es ist schon fast eine Binsenweisheit, dass man Krisen gemeinsam besser durchsteht. Wir alle haben in den zurückliegenden Wochen festgestellt, wie wichtig ein funktionstüchtiger Verband für seine Mitglieder, insbesondere in schwierigen Zeiten, ist. Der VDMB ist die gelebte Solidarität unserer Branche. So wie der Verband bei Tarifverhandlungen den bestreikten Unternehmen hilft, die durch Streiks entstandenen Schäden zu kompensieren, steht der VDMB jetzt fest mit Rat und Tat an der Seite der Unternehmen – egal, ob es sich um einen großen Zeitungsbetrieb oder eine kleine Akzidenzdruckerei handelt. Die Corona-Krise zeigt einmal mehr, wie wichtig gut aufgestellte Verbände nach wie vor sind.

Krisen wirken auch wie Brandbeschleuniger des Wandels. Das hat auch sein Gutes, weil sich in der Krise Veränderungen häufig viel schneller durchsetzen lassen. Das führt dazu, dass Prozesse nach der Krise anders, nämlich effizienter ablaufen als vorher. So habe ich ganz konkret drei Learnings aus der aktuellen Krise, was wir in Zukunft anders machen wollen:

Learning Nummer 1: Kundenbeziehungen lassen sich auch digital gestalten.

Die Krise hat einen Digitalisierungsschub bewirkt, ganz generell und speziell auch in den Kundenbeziehungen. Viele unserer Kunden konnten wir von heute auf morgen nicht mehr vor Ort besuchen. Dafür waren sie für uns fast immer erreichbar, sei es im Büro oder im Homeoffice. Hier gab es häufig einen intensiven Kontaktaustausch, der natürlich viel mit der Corona-Krise zu tun hatte. Dadurch ist der Austausch mit unseren Kunden viel persönlicher geworden. Außerdem hat die Krise dazu beigetragen, Abstimmungsprozesse mit dem Kunden zu digitalisieren und damit schneller und effizienter zu gestalten. Selbst diejenigen Kunden, die bislang immer eine persönliche Freigabe wollten, schwören inzwischen auf Online-Prozesse. Ohne Corona hätte das sicherlich sehr viel länger gedauert.

Learning Nummer 2: Homeoffice erweist sich als sinnvolle Ergänzung zur Arbeit im Büro.

Ohne Homeoffice wären viele Unternehmen gar nicht mehr handlungsfähig gewesen, denn es war der beste und sicherste Weg, um ganz schnell Mitarbeiter vor Infektion zu schützen. Und die Erfahrungen waren auch in den Druckunternehmen höchst positiv. Denn das Arbeiten im Homeoffice hat sowohl in der Druckvorstufe als auch in der Sachbearbeitung bestens funktioniert und sogar geholfen, Prozesse zu verbessern. Aufträge wurden viel klarer formuliert und Nachfragen oder gar Kontrollgänge in die Produktion kaum mehr nötig. Das alles macht Abläufe effizienter. Und noch ein Aspekt ist erwähnenswert. Druckereien im ländlichen Raum können nun auch in weiter entfernteren Städten Personal anwerben, das dann eben vor allem im Homeoffice arbeitet.

Learning Nummer 3: Kundenaufträge mit sehr geringem Ergebnisbeitrag gehören auf den Prüfstand.

In der Krise gewinnt man neue Erkenntnisse über die eigene Kundenstruktur. Von einigen Unternehmern weiß ich, dass sie in den Monaten der Krise mit zum Teilwesentlich weniger Aufträgen vergleichbare Ergebnisse erwirtschaftet haben wie in den vergleichbaren Zeiträumen ohne Krise. Wenn sich das Ergebnis trotz rückläufiger Umsätze kaum verändert, sagt das eigentlich schon alles: Aufträge, die mit hohen Kosten und keinem Ertrag verbunden sind, sollten wir als verantwortungsvolle Unternehmer nicht in unseren Büchern haben. Wir sollten daher in Zukunft noch stärker prüfen, ob wir uns nicht von unrentablen Aufträgen trennen.

Ab wann rechnen Sie mit einer weitgehenden Normalisierung Ihrer Geschäftslage?

Im Juni 2020 gingen laut einer vom Bundesverband Druck und Medien durchgeführten Branchenumfrage mehr als 40 % der Unternehmen davon aus, dass eine weitgehende Normalisierung der Geschäftslage in frühestens neun Monaten erreicht werden könne.

26 % konnten aufgrund der vorherrschenden coronavirusbedingten Unsicherheiten keine Prognose abgeben.

Nun gilt es – mit vielen Erfahrungen und Learnings –, den Blick nach vorne zu richten. Die Wirtschaft beginnt allmählich wieder hochzufahren und wir erleben auch bei uns einen leichten, aber stabilen Auftragstrend nach oben. Allerdings ist hier sofort auch wieder der unselige Preiskampf zu spüren, der das bereits vor der Krise kritische Preisniveau weiter unter Druck setzt. Hier sollten wir alle gemeinsam daran arbeiten, unsere Kunden vom wirklichen Wert unserer Produkte zu überzeugen. Und der liegt selbstverständlich immer ein gutes Stück weit über den Kosten. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Aber wie viel von der Wertschöpfung am Ende in unserer eigenen Branche verbleibt, hängt nicht zuletzt auch von unserem eigenen Handeln ab.

Niemand kann uns heute sagen, wie wir am Ende aus der Krise kommen werden. Ich bin mir aber sicher, dass wir aus der Krise kommen werden, dass es wieder eine Welt nach Corona geben wird. So, wie es eine Welt vor Corona gegeben hat. Sie wird ganz sicherlich etwas anders aussehen. Sie wird aber auch für uns Druckunternehmer eine Zukunft bieten. Davon bin ich fest überzeugt. Warum? Zum einen, weil es in Deutschland wahrscheinlich nur wenige Branchen gibt, die es beim Thema Krisenmanagement mit unserer langjährigen Erfahrung aufnehmen können. Und zum anderen, weil sich die Menschen nach der wochenlangen Distanz des Digitalen wieder ganz stark nach Nähe, nach persönlicher Begegnung, nach dem Authentischen und Anfassbaren sehnen. Das ist unsere große Chance. Weil Print die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes so berührt wie kein zweites Medium. Lassen Sie uns also auch diese Krise meistern – und das am besten gemeinsam.

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